Chancen und Stolpersteine bei der Niederlassung

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Anfang 2018 hat Dr. Attila Demirhan eine gynäkologische Praxis in Schlüchtern, Hessen, übernommen. Fazit nach 8 Monaten: Er ist verdammt gern sein eigener Chef. Welche Hürden er allerdings auf dem Weg zur eigenen Praxis nehmen musste und was ihn am meisten an der Selbstständigkeit stresst, erzählt er in unserem Gründerinterview.

Herr Dr. Demirhan, wie kamen Sie dazu über eine Niederlassung nachzudenken?

In der Klinik hatte ich immer den Wunsch auf eine persönliche Weiterentwicklung, doch die Hierarchien haben dies leider nicht zugelassen. Natürlich hätte ich die Klinik wechseln können, doch ich wollte irgendwann mit meiner Familie bauen, sesshaft werden, und nicht von Job zu Job ziehen. Auch Wochenenddienste, nachts um 3 Uhr zu einer Entbindung aufstehen und dann um 7 Uhr wieder normal zur Arbeit, das wollte ich nicht bis zur Rente machen. Ich habe mich dann über die Niederlassung informiert, doch letztendlich war es ein Zufall, der mir den entscheidenden Impuls gab. Eine Kollegin hatte mir erzählt, dass ein Gynäkologe, der auch noch als Belegarzt tätig war, eine Praxis abzugeben hatte. Eigene Praxis – eigene Patienten – eigene Betten – das Konzept hat mich überzeugt.

Worauf haben Sie sich am meisten gefreut?

Das ich mein eigener Herr und Chef bin. In der Klinik ist man oft nicht so frei beim Treffen von medizinischen Entscheidungen. Auch der intensive Patientenkontakt war mir besonders wichtig. Als Oberarzt hatte ich nicht mehr so viel Kontakt zu den Patienten, alles war recht oberflächlich. Jetzt kommen die meisten Patienten zur Vorsorge zu mir und nicht mit einer akuten Erkrankung. Da bleibt auch mal die Zeit für privatere Gespräche.

Ich habe zwar jetzt mehr Patienten als in der Klinik, aber die Arbeit ist viel angenehmer. Bei einer ambulanten OP in der Klinik habe ich viele Patienten nie wieder gesehen, nur falls es mal zu Problemen gekommen ist. Jetzt bekomme ich auch über positive Ergebnisse eine Rückmeldung und ich sehe wie es den Patienten danach besser geht. Das befriedigt natürlich ungemein und ist sehr schön.

Was war die größte Überraschung?

Was mich sehr freut: Es läuft besser, als ich erwartet habe. Ich dachte, ich muss monatelang warten, bis ich operativ tätig werden kann, aber es ist ein Selbstläufer. Die größte negative Überraschung ist der Ärger rund um das Thema KV-Abrechnung. Man leistet was und bekommt es nicht komplett vergütet. Ich wusste schon, dass es Abschläge geben würde, aber nicht in diesem Ausmaß. Ich musste mich bei der Wahl von Behandlungsmaßnahmen schon sehr umstellen.

Konnten Sie auf der Patientenstruktur Ihres Vorgängers aufbauen?

Ja, ich konnte schon darauf aufbauen. Natürlich ist es auch so, dass viele Patienten auf meinen Vorgänger fixiert waren. Man verliert bestimmt auch den einen oder anderen Patienten, aber es kommen auch neue hinzu. Ich denke das ist ganz normal und es gleicht sich im Großen und Ganzen aus. Man sollte auf jeden Fall bedenken, dass sich die Patienten sehr schnell untereinander austauschen und dann auch gegebenenfalls gerne Empfehlungen aussprechen, wenn sie zufrieden mit dem ersten Eindruck sind.

Was hat Ihnen auf dem Weg in die Existenzgründung besonders geholfen?

Viele niedergelassene Kollegen waren sehr hilfreich. Ich kann jedem nur empfehlen, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen. Insbesondere bei der Abrechnung habe ich viel wichtige Unterstützung bekommen: Was darf ich? Was darf ich nicht? Zudem hatte ich noch das Glück, dass eine Kollegin sich zeitgleich niedergelassen hat. Der Informationsaustausch mit ihr hat mir auch sehr viel geholfen. Außerdem habe ich Existenzgründerseminare von Büdingen besucht und davon wahnsinnig profitiert. Da habe ich sehr viele Tipps mitgenommen, an die ich mich heute noch erinnern kann.

Durch die Hilfe habe ich viele organisatorische Strukturen in der Praxis aufgedeckt, die heute nicht mehr aktuell sind. Diese musste ich natürlich schnellstens verändern. Das war etwas problematisch, da es nicht jedem Mitarbeiter leicht fällt eingetretene Pfade zu verlassen. Das ist denke ich jedoch völlig normal und soll auch keine Kritik an den Mitarbeitern darstellen. Das ganze Praxispersonal ist wirklich topfit und total engagiert. Sie arbeiten tatsächlich so, als ob die Praxis Ihnen gehören würde, aber selbst dann verlaufen solche Veränderungen nicht ganz problemlos.

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Frank Macht
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Medizinrecht, Berater im Gesundheitswesen