Fremdanamnese ist keine „fremde“ Leistung!

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  • GOÄ-Abrechnungstipps

Mit der Ziffer 4 „Fremdanamnese“ ist eine Position in der GOÄ enthalten, die auch langjährig praktizierenden Ärzten oft nicht bekannt ist. Dabei werden Fremdanamnesen häufig erbracht. Wir stellen diese Ziffer vor und fassen zusammen, wann ihr Ansatz möglich ist.

Aus dem Leistungstext der GOÄ-Ziffer 4 geht hervor, dass eine Fremdanamnese im Zusammenhang mit der Behandlung eines Kranken stehen muss. Weiter sind  „die Unterweisung und Führung der Bezugsperson(en)“ Bestandteile dieser GOÄ-Position. Damit ist zunächst klar, dass Ziffer 4 auf die Rechnung des Patienten gehört, dessen Krankheit der Arzt behandelt. Möglicherweise erlebt der Patient die Fremdanamnese gar nicht mit. Obwohl eventuell mehrere Bezugspersonen einzubeziehen sind, kann GOÄ 4 im selben Behandlungsfall nur einmal berechnet werden. Neben den Ziffern 30, 34, 801 806, 807, 816, 817 und 835 ist Ziffer 4 bei der  gleichen Arzt-/Patientenbegegnung ausgeschlossen.

Wird zum Beispiel ein erwachsener Patient behandelt und der Arzt benötigt gewisse Angaben von Angehörigen, kann Ziffer 4 einmal im Behandlungsfall berechnet werden. Im Umkehrschluss bedeutet „Bezugspersonen“, und  „Führung“ bzw. „Unterweisung“ auch, dass mehrere Gespräche mit unterschiedlichen Bezugspersonen im selben Behandlungsfall nur einmal über den Ansatz der  Ziffer 4 vergütet werden können.

Grundsätzlich ist es möglich, die Beratung nach GOÄ 1 (…auch telefonisch) gemeinsam mit GOÄ 4 am selben Tag abzurechnen. Bedingung dafür ist allerdings, dass der Patient selbständig „beratbar“ ist. Bei Kinderärzten werden diese Grenzen besonders deutlich. Weil Säuglinge und Kleinkinder noch nicht beraten werden können, richten sich Ärzte regelmäßig an die Begleitperson. Dann kann dafür lediglich die Ziffer 1 GOÄ berechnet werden. Als Altersgrenze für die selbstständige Beratbarkeit gilt bei Kindern das Einschulalter. Dann kann es aus der Beschaffenheit des Krankheitsfalles heraus (sh. auch medizinische Notwendigkeit nach § 1 GOÄ) nötig sein, Details zur Erkrankung und ihrem Verlauf mit Bezugspersonen zu besprechen. In diesen Fällen ist der gemeinsame Ansatz der Ziffern 1 und 4 möglich.

Die Bezugsperson muss kein Familienangehöriger des Patienten sein. Fremdanamnesen im Sinn der  Ziffer 4 GOÄ finden auch in Betreuungseinrichtungen statt.

Wenn Ärzte beispielsweise mit dem Personal eines Altenpflegeheims Informationen über einen kranken Bewohner austauschen  und auf den einzelnen Patienten bezogene Hinweise geben, kann dafür einmal im selben Behandlungsfall die Ziffer 4 berechnet werden. Hier ist dringend zu empfehlen, die Namen der Gesprächspartner und das Thema der fremdanamnestischen Erörterung oder Unterweisung in den Patientenunterlagen zu dokumentieren.

Gelegentlich haben  Kostenträger den Ansatz der GOÄ-Ziffer 4 abgelehnt und damit begründet, diese Leistung dürfe nur in besonders schwerwiegenden Krankheitsfällen erbracht und berechnet werden. Ferner dürfe der Patient „nicht selbst ansprechbar“ sein.

Der amtliche Text der GOÄ verlangt das nicht. Deshalb können Ärzte immer beide Ziffern abrechnen, wenn sie den Patienten beraten und seine Bezugsperson/en im Zusammenhang mit der Behandlung geführt und/oder unterwiesen haben.

Autor: Dieter Jentzsch, Leiter Seminarmanagement

Büdingen Akademie der Ärztlichen Verrechnungsstelle Büdingen GmbH.